der Weg durch den “Bitch-Shield”
27. Januar 2010 - 01:58 UhrDie Sprache ist ja bekanntermaßen eine ewig sprudelnde Quelle eigentümlicher Kreationen. Man denke nur an Kompositionen wie das gleichzeitig ent- und vermenschlichende “Humankapital”, die “Blasenspekulanten”, die Schuld an den “Not-leidenden Banken” tragen, sogenannte “aufenthaltsbeendende Maßnahmen”, die den Tatbestand der Abschiebung euphemisieren oder die (neue) “Beelterung” der sich ein Kind unterzieht, wenn seine Erziehungsberechtigten wechseln. Man könnte (und ich werde zu gegebenem Anlass) diese Liste noch ausdehnen, bis einem ganz schummerig wird.
Auch bizarre Gäste aus der englischen Sprache beehren uns ab und an. So tat es beispielsweise, der “Lowperformer”, unter dem man einen (ungeachtet der Ursachen) wenig leistenden Arbeitnehmer zusammenfasst. Auch die Marketingabteilung des Leipziger Handball-Clubs, der immer noch niemand verraten hat, dass ihr Slogan “EnterTORment” wörtlich übersetzt eben mehr ist als ein Wortspiel aus “Entertainment” und “Tor” (nämlich die Aufforderung “betritt die Qual/Folter”), leistete hierzu unfreiwillig einen Beitrag.
Als ich vergangene Woche in einem Irish Pub einem Kreis beiwohnte, den ein ehemaliger Soziologiestudent abrundete, erfuhr ich durch ebendiesen von der Existenz des Ausdrucks “Bitch-Shield” (“Schlampen-Schild”). Mit dieser Information war ihm die ungeteilte Aufmerksamkeit der Beteiligten gewiss und er wurde genötigt, all sein diesbezügliches Know-How zu offenbaren. Da dies, statt einer lückenlosen Aufklärung eher einem Intro in die Welt des Verruchten glich, las ich mich im Schutz der Privatsphäre noch ein wenig tiefer in die Materie hinein. An dieser Stelle folgt nun eine fachlich höchst zweifelhafte Erklärung des Begriffs.
Das Urban-Dictionary liefert folgende Definition:
Primitive psycological protection ladies often put in an attempt to ward of those they consider creeps and/or misfits. Can usually be broken down by refusing to acknowledge the actual relevance of a bitch shield, hence making the imaginary self-defense device irrelevant.
und das Anwendungsbeispiel:
This lady had her bitch shield up at the dinner party, by teasing her about its usefullness I broke through it and won her trust.
Es handelt sich also um eine Art Schutzhaltung, die eine Frau einnimmt, wenn Sie sich als bloße Beute eines, zur Reproduktion drängenden Männchens erkennt. Sie reagiert dann unerwartet aggressiv, abweisend und ruft dem Gesprächspartner, der möglicherweise tatsächlich nur von der Sorge um den Fortbestand dieser Spezies getrieben ist, unmissverständlich ins Bewusstsein, wie überflüssig er an seinen gegenwärtigen Raum-Zeit-Koordianten ist.
In themenbezogenen Foren, wo Männer, die sich selbst zu “Date-Doktoren” promoviert haben, den beschriebenen Beutezug als “Game” bezeichnen, erfährt man Aufschlussreiches. So einerseits, dass der Bitch-Shield oft nur im Kopf des Jägers existiert und diesen zum Kaninchen vor der Schlange macht. An anderer Stelle geht man jedoch von der realen Existenz dieser Abwehrhaltung aus. Die Ursachen sind dann vielfältig:
- Das “Opfer” erkennt sich im Schlachtplan des Angreifers nur als Mittel zur Befriedigung seiner sexuellen Bedürfnisse. Wer diese edle Absicht derart unprofessionell verschleiert, hat selbstverständlich nichts anderes verdient, als schmerzhaft am Bitch-Shield abzuprallen.
- Der engagierte Eroberer ist der Zielperson schon im Vorfeld dadurch aufgefallen, dass er kläglich am Durchstoßen der Bitch-Shields anderer Gesellschaftsteilnehmerinnen gescheitert ist. Dafür gab es natürlich Gründe, die, wenn auch unbekannt, genügen, um den eigenen Abwehrmechanismus hochzufahren.
- Die paradoxeste Form des Bitch-Shields tritt dann auf, wenn die Frau es als Indikator dafür verwendet, wie ernst es der Gedemütigte meint. Eine Kunst der Eroberung besteht darin, diese Art der Bitch-Shield-Motivation zu durchschauen und hartnäckig am Ball zu bleiben.
weitere mögliche Gründe:
- die Frau ist einfach nicht in der Stimmung, erobert zu werden
- sie kann mit Gesprächseinleitungen wie: “Glaubst du an Liebe auf den ersten Blick oder muss ich noch einmal an Dir vorbeigehen?” oder “Hi, wollen wir etwas Mathe üben? Wir könnten Dich und mich addieren, unsere Kleider abziehen, unsere Beine teilen und uns multiplizieren.”
- der Angreifer ist besoffen, steht unter Drogen oder duftet nicht eben nach frischen Mondviolen
- der Raum ist schwach beleuchtet, der Eroberer hat vergessen, dass er sich auf einer Famillienfeier befindet und das Opfer würde bei besserer Sicht zweifelsfrei als seine Großmutter identifiziert werden können (auch intensive Nachforschungen haben nicht vollends aufklären können, ob man in diesem Fall von Bitch-Shield sprechen kann)
Schwierig war für mich vor allem der Schritt von meinem bisherigen “Bitch-Begriff”, der vor allem zur Beschreibung von Damen mit äußerst hochfrequenter Partneralternation gedient hätte, hin zum Bitch-Shield. Hier wird ja im Normalfall grade versucht, der Gefahr des spontanen Beischlafs mit Hilfe gebotener Konversationsmittel gekonnt auszuweichen. Weder besagter Soziologe noch die konsultierte Fachliteratur entpuppten sich bei diesem Schritt als Ge(h)hilfe. Ebenfalls wenig hilfreich war der Hinweis eines “Date-Doktors”, zum Durchbrechen des Bitch-Shields “möglichst beliebt” zu sein. Dieser (kostenlose) Rat ist wirklich jeden Cent wert!





