mediale Widersprüche – Teil 2: Das Kreuz mit dem Alkohol
5. März 2010 - 14:31 UhrUnglückliche Momente sind wohl ein zuverlässig auftretender Bestandteil eines jeden Menschen Lebens. Der eine wurde mit dem Finger in der Nase vom Vorgesetzten überrascht, ein anderer vielleicht beim Schlaf im Unterricht erwischt. Wieder andere ertappt man beim Hinterziehen von Steuern und nicht wenige stellen sich beim Autofahren in angetrunkenem Zustand ausreichend ungeschickt an, um der Polizei aufzufallen. Als besonders unglücklich erweisen sich vor allem die letzten beiden Situationen, wenn man im Licht der Öffentlichkeit steht. Dieses Licht wird dann schlagartig und oft zum letzten Mal gleißend hell. Als beinahe unübertreffbar unglücklich ist schließlich ein solches Malheur zu bezeichnen, wenn es einem Amtsträger widerfährt, der außer seinem Amt auch noch eine moralische Verpflichtung trägt.
Eine derartige moralische Verantwortung sagten die Anhänger des evangelischen Glaubens verständlicherweise ihrer Vorsitzenden Margot Käßmann nach. Diese bewies kürzlich, dass ein Paar Gläser Wein den Kopf hervorragend von jeglichen Verantwortungen befreien können und ließ sich zudem auch noch von relevanten Persönlichkeiten der Verkehrsaufsicht dabei beobachten, wie sie mit 1,54 Promille eine rote Ampel ignorierte. Wie selbstverständlich trat die 51.-jährige Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche angesichts des erdbebenartigen Mediengetöses einige Tage später zurück. Verblüffend ist an der Berichterstattung vor allem die Tatsache, dass der Hauptvorwurf nicht etwa darin bestand, dass sie angetrunken bei rot über eine Ampel gefahren ist. Vielmehr prangerte man an, dass sie als Bischöfin dem Alkoholgenuss fröhnte.
Zugegeben, ihre Glaubwürdigkeit hat dadurch schon mehr als einen Kratzer genommen. Dennoch kann man festhalten, dass der EKD mit Käßmann die erste Persönlichkeit abhanden kommt, die man in Debatten zu aktuellen, politischen Themen ernst genomman hatte. Im Atemzug der Rücktrittserklärung versicherte die evangelische Kirche zugleich trotzig, dass man “sich auch weiterhin in politische Themen einmischen” werde. So sprang der offizielle Nachfolger Käßmanns, Nikolaus Schneider gleich auf den populären Zug der Westerwellekritik auf, um damit auf seine moralische Kompetenz zu verweisen.
Worin besteht nun der mediale Widerspruch? Dazu muss ich erst einmal ein verstaubtes, unrechtmäßig unbeachtetes, aber dennoch aktuelles Thema aus der Versenkung bergen. In der Bundeswehr wurde kürzlich aufgedeckt, dass es im Rahmen von Aufnahme-Ritualen (und damit ist offenbar nicht die übliche Musterung gemeint) in unzähligen Fällen zu regelrechten Exzessen kam.
Der erste Fall, der in diesem Zusammenhang, wenigstens beiläufig in den Medien Erwähnung fand, betraf die Gebirgsjäger im bayrischen Mittenwald. Dort wurden Soldaten von ihren Kameraden beispielsweise gezwungen, Rollmöpse oder rohe Schweineleber mit Frischhefe zu essen. Bevor nun allerdings eine fabelhafte Kreativität unterstellt wird, sich an die afghanische Küche zu gewöhnen, sollte man Erwähnen, dass dieser Initiationsritus mit Namen “Fuxtest” von Trinkgelagen begleitet wurde, die der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages, Reinhold Robbe (der es ja wissen sollte) als “Komasaufen” bezeichnete. Bekannt wurden diese Informationen durch den Brief eines Exsoldaten an Robbe, in dem er die Rituale schilderte.
Seither gingen über 20 weitere Briefe im Büro des Wehrbeauftragten ein, die deutlich machen, dass derlei Exzesse ebensowenig Einzelfälle sind, wie katholische Knabenfreundschaft. Guttenberg kündigte “nachdrückliche Aufklärung” an, die ich, mehr noch als im Falle Käßmann, zukünftig von intensiver Prävention begleitet sehen möchte. Bekannt ist zudem, dass auch Vorgesetzte von den Exzessen gewusst haben. Im Rahmen der “Ausmusterung” der Verantwortlichen und ranghoher Mitwisser, könnte man die zeitgemäße Reduzierung auf eine Berufsarmee veranlassen, sollte sich die Gruppe der schwarzen Schafe als Mehrheit entpuppen.
Verwirrend ist hierbei einmal mehr die sensationsgesteuerte Prioritätensetzung in den Medien. Obwohl Margot Käßmann, weitaus intenisivere Erwähnung fand, als komatös gesoffene Soldaten, es gilt weiterhin: wenn ich die Wahl hätte zwischen angetrunkenen Bischöfinnen, die im Amt bleiben, oder besoffenen Soldaten, die für Deutschland am Hindukush gefährliche von liebenswerten Afghanen unterscheiden sollen, dann wäre meine Entscheidung unstrittig.
Selbstverständlich will ich niemandem die Freude am bewaffneten Verteidigen nehmen. Als Alternative zur Bundeswehr kann ich das österreichische Bundesheer empfehlen. Den Großteil des Alkoholvorrats vernichten hier offensichtlich schon die Marketingbeauftragten, was dieser aktuelle Werbefilm zeigt:
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