9. Januar 2010 - 15:52 Uhr
Hier mal eine Auswahl der meist genutzten Redewendungen in Stammtischgesprächen. Bei unentschuldbarem Fehlen wichtiger Floskeln bitte ich um Ergänzung.
10. diese Sportler verdienen doch alle viel zu viel
Meist in folgender oder ähnlicher Situation zu beobachten: Eine Gruppe Männer sieht sich ein Fußballspiel an und äußert ihren Unmut darüber, dass ein gut bezahlter Spieler das Tor trotz aussichtsreicher Position verfehlt. Oft aber auch situationsunabhängig gebraucht, wenn der Äußernde grad ein Stimmungstief durchlebt und irgendeinen Berufssportler in TV oder Zeitung erblickt.
9. die großen Bosse
Die Rede ist hier nicht nur von Firmenchefs oder Managern. Auch Vorsitzende von Sportvereinen oder Gewerkschaften können gemeint sein. Die Formulierung beinhaltet sowohl die Einsicht, dass betreffende Subjekte einen gesellschaftlich übergeordneten Status besitzen, als auch eine gewisse Ironie. Diese Ironie soll empfundene Ungerechtigkeit ausdrücken und kann bei Bedarf noch deutlicher gemacht werden. Dazu lässt man nach “die” eine kurze Pause und spricht das “o” in “großen” ausgedehnt und überdeutlich.
8. die oberen Zehntausend
Ebenfalls eine sehr vage Angabe für eine Gruppe von Menschen, die mit finanzieller Unabhängigkeit gesegnet und mit Neid gestraft sind. Fälschlicherweise werden oft auch Schauspieler oder sonstige, zwar in den Medien vertretene, aber nicht zwingend außergewöhnlich wohlhabende Menschen mit diesem Prädikat versehen. Der Ausdruck “die unteren Zehntausend” wird interessanterweise selten bis nie in diesem Zusammenhang verwendet.
7. Wenn ich hier was zu sagen hätte…
Häufig zu finden in Stammtischrunden, die in politische Gefilde vorstoßen. Vervollständigt wird diese Wendung im Allgemeinen von sehr provokativen oder radikalen Gedanken wie beispielsweise: “…, dann würde ich die großen Bosse (siehe 9.) alle einsperren lassen!”, oder “…, dann hätten wir schon längst die Todesstrafe wieder eingeführt!” Heuchlerisch wird dann von Seiten der Hörer die Bedauerung versichert, dass der Redner leider nie “etwas zu sagen haben wird.”
6. …X Jahre lang belogen und betrogen.
Eine, vor allem in Ostdeutschland weit verbreitete Redewendung, die sich meist auf das Leben in der DDR bezieht ( die Variable X wird dann aus rhetorischen Gründen statt mit der korrekten Dauer von 41 Jahren mit 40 ersetzt, da vierzig [gesprochen: "förzsch"] mehr Emotionsgewalt ausdrücken kann). “Belogen und betrogen” meint hier, dass man auf anderem Level als heute, ein ebenso zufriedenes und erfülltes Leben geführt hat, da man fälschlichen Darstellungen über benachbarte Staatsformen glaubte. Auch hier dient die Ausdehnung des Buchstaben “o” als Unmutsintensitätsindikator.
5. …ein Leben lang geschuftet
Der Sprecher fordert den ihm gebührenden Respekt ein, den er sich dadurch verschafft hat, dass er einen Großteil seiner bisherigen Existenz mit einer Tätigkeit verbracht hat, die ihm weder Lebensfreude noch körperliche Spritzigkeit bewahrt hat. Aus dieser Überzeugung erwächst oftmals erst der Antrieb für Stammtische dieser Art.
4. Früher hätts das nicht gegeben!
Gemeint sind hier nicht etwa lobenswerte Erfindungen wie Aufzüge oder vierlagiges Toilettenpapier. Eher beklagt man Zustände, die mangels Aufklärung oder Freiheitsverständnis in der längst vergangenen Blüte des Stammtischmitgliedslebens so nicht möglich gewesen sind. Beispiele sind unter anderem das Frauenwahlrecht oder Genmanipulation bei Lebensmitteln.
3. die Herren Politiker…in ihren feinen Anzügen
Wieder ist die Politik das Verwendungsgebiet dieses Ausdrucks. Wahlweise können die beiden Satzteile einzeln oder in Verbindung angewendet werden. Zum einen muss bemerkt werden, dass die “Herren Politiker” freilich auch Frauen sein können, wenn Sie sich beispielsweise den Dienstwagen stehlen lassen und dann die Dreistigkeit besitzen, dennoch im Amt zu bleiben. Zum anderen sollte man vor der Gefahr warnen, als ein etwas zu zickiger Zeitgenosse entlarvt zu werden, wenn man sich allzu schnell zu dieser verachtenden Redewendung hinreißen lässt. Umkehrversuche wie “die Herren Klempner…in ihren gebügelten Blaumännern” verfehlen dagegen jegliche Wirkung.
2. die da oben…
Ein Klassiker! Die zweitbeliebteste Wendung bezeichnet alljene, deren willkürlicher Gewalt sich der Verwender ausgeliefert sieht. (ansonsten auch siehe 3.)
1. der kleine Mann…
Wer kennt sie nicht, die Galleonsfigur der Unterdrückten und Benachteiligten? Als Gegenstück zu denen “da oben” landet der kleine Mann ganz klar auf dem ersten Platz der Stammtisch-Redewendungen. Er ist nicht nur klein und männlich, was ihn allein schon unattraktiv für jegliche körperliche Arbeit macht, sei es Kohle schippen oder erfolgreiche Fortpflanzung. Nein, in gedanklichen Bildern hat er schütteres Haar, einen krummen Gang, graue oder beige Second-Hand-Kleidung und einen unsicheren Blick. Mit ihm identifiziert sich das Stammtischmitglied, denn von hier aus scheint alles ungerecht. Der kleine Mann kennt die Welt der großen ganz genau, denn er liest BILD. Und dort erfährt er, wie ungerecht er behandelt wird. Doch was kann er schon machen? Niemand sieht ihn, mit seinen 1,40m. Keiner erhört seine brüchige Stimme. Er ist gefangen im ewigen Wettstreit mit all den anderen kleinen Männern (und jetzt auch noch Frauen). Sein einziger Antrieb ist seine Moral, denn er würde alles so viel besser machen!
